Muskulöser, stärker, leistungsfähiger: Der Druck, im Fitnesssport bestimmten Idealen zu entsprechen, hat in den letzten Jahren mehr und mehr an Bedeutung gewonnen. Der Konsum von anabolen Steroiden (Doping) ist auch außerhalb des Leistungssports kein Randphänomen mehr: Was viele als schnellen Weg zum Traumkörper sehen, birgt erhebliche Gesundheitsrisiken und macht wirksame Präventionsarbeit immer wichtiger.
Doch welche Risiken verbergen sich hinter dem Konsum leistungssteigernder beziehungsweise körperbildbezogener Substanzen? Gibt es Möglichkeiten, den Konsum ganz zu verhindern? Die aktuelle Studie von René Paasch, Gunnar Mau und Oliver Korol liefert eine wissenschaftliche Übersicht und wichtige Erkenntnisse für Sportler*innen, Fitnessstudios und Fachkräfte aus dem Gesundheitsbereich.
„Prävention ist besonders wirksam, wenn sie früh ansetzt, zielgruppenspezifisch gestaltet ist und über reine Wissensvermittlung hinausgeht. Entscheidend sind eine realistische Risikokommunikation, die Förderung von Selbststeuerung und Trainingskompetenz sowie klare Leitlinien im Studioalltag.“
– René Paasch
Aufbau und Vorgehensweise der Studie
Die Studie „Perspectives, motivations and behaviors of amateur bodybuilders regarding doping and anti-doping: A systematic review“ wurde 2026 in der Fachzeitschrift Performance Enhancement & Health veröffentlicht. In ihrer Arbeit untersuchen die Autoren unter anderem, wie Amateur-Bodybuilder*innen über Doping denken, was sie motiviert und wie sie sich gegenüber IPED verhalten. Außerdem zeigen sie auf, wo es noch Lücken in der Entwicklung wirksamer Präventionsmaßnahmen für Freizeitsportler*innen gibt.
Dabei folgt die Analyse den PRISMA-Richtlinien. Das ist ein anerkanntes Verfahren für Literaturübersichten, das festlegt, wie ein systematisches Review geschrieben und veröffentlich werden sollte. So wird sichergestellt, dass systematische Reviews miteinander vergleichbar und nachvollziehbar sind.
Ziel:
Die Autoren untersuchen unter anderem:
die Einstellungen, Motivationen und Verhaltensweisen von Amateur-Bodybuilder*innen.
die psychologischen und sozialen Faktoren hinter dem Konsum von IPED.
inwieweit zielgruppenspezifische Präventionsprogramme benötigt werden.
Bei der Studie handelt es sich um ein systematisches Review: Das bedeutet, dass sie wichtige Studien zum Thema zusammenfasst, bewertet und analysiert, um ein möglichst zuverlässiges Gesamtbild zu bekommen.
Zwar liefern erste Studien vielversprechende Ansätze, einen eigenen Wirksamkeitsnachweis oder eine nachgewiesene Reduktion des Konsums liefert die Arbeit jedoch nicht.
Teilnehmer*innen
Alter: Die Teilnehmer*innen mussten zwischen 14 und 70 Jahren alt sein.
Geografische Region: Die Autoren bezogen sich auf Forschungsarbeiten aus verschiedenen Teilen der Welt, um auch kulturelle und geografische Unterschiede zu erfassen.
Sportliche Aktivität: Die Studie bezieht sich ausschließlich auf Freizeitsportler*innen. Das bezieht auch nicht-professionelle Wettkämpfer*innen, die zum Beispiel an regionalen Wettbewerben teilnehmen, mit ein. Professionelle Athlet*innen und Leistungssportler*innen wurden ausdrücklich ausgeschlossen.
Doping im Fitness- und Freizeitsport: Weit verbreitet, aber kaum erforscht
Es bisher keine genauen Zahlen darüber, wie viele Amateursportler*innen im Freizeit- und Fitnesssport auf IPED zurückgreifen. Die wenigen Studien und Erfahrungen aus der Praxis zeigen jedoch, dass der Konsum verbreiteter sein könnte als bisher angenommen.
Vor allem in bestimmten Fitnessstudio-Bereichen spielt das Thema eine größere Rolle: Hier konsumieren Amateursportler*innen vor allem Medikamente, die einen schnelleren Muskelaufbau oder eine bestimmte Körperform versprechen.
„Dazu gehören beispielsweise Testosteronpräparate und andere anabole Steroide. Manche nutzen zusätzlich sogenannte Fettverbrenner oder stimulierende Substanzen. Auffällig ist, dass viele Anwender*innen nicht nur ein Produkt konsumieren, sondern mehrere Mittel miteinander kombinieren.“
– René Paasch
Die häufigsten Gründe für Doping im Amateur-Bodybuilding
Doch was bringt Amateur-Bodybuilder*innen dazu, zu IPED zu greifen? Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten. Der Konsum wird meist durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren beeinflusst:
Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper: Viele Konsument*innen wünschen sich mehr Muskeln, einen niedrigeren Körperfettanteil oder ein Aussehen, das gängigen Schönheitsidealen entspricht.
Leistungs- und Erfolgsdruck: Der Wunsch nach schnelleren Fortschritten, besseren Trainingsergebnissen oder mehr Erfolg bei Wettkämpfen kann den Doping-Konsum begünstigen.
Einfluss des sozialen Umfelds: Freunde, Trainingspartner*innen oder Vorbilder können die Einstellung zu IPED beeinflussen und so den Konsum indirekt fördern.
Einfluss von Fitnessstudios und Online-Communities: In sozialen Medien, Foren und im Umfeld mancher Fitnessstudios werden bestimmte Körperideale und IPED teilweise normalisiert oder sogar positiv dargestellt.
Mangelnde Aufklärung und Prävention: Im Gegensatz zum Leistungssport gibt es für Freizeit- und Amateurathlet*innen nur wenige gezielte Anti-Doping-Programme. Dadurch fehlen oft Informationen über Risiken und Alternativen.
Viele Menschen im Amateursport nutzen leistungssteigernde beziehungsweise körperbildbezogene Substanzen aus mehreren Motiven: Das macht es schwierig, frühe Warnsignale rechtzeitig zu erkennen.
Gleichzeitig erschwert es die Präventionsarbeit: Da eine einzelne Maßnahme nicht alle Sportler*innen erreichen kann, braucht es verschiedene Angebote, die auf die unterschiedlichen Gründe für den Konsum und die jeweiligen Zielgruppen abgestimmt sind.
Schnelle Erfolge, hohe Risiken: Die Gefahren von Doping
Besonders, weil die Gründe für Doping so vielfältig und oft schwer zu erkennen sind, ist es wichtig, die Risiken des Konsums genauer zu betrachten. Denn hinter dem vermeintlichen Leistungsvorteil verbergen sich zahlreiche Gefahren:
1. Körperliche Gesundheitsrisiken
Zu den gesundheitlichen Risiken von Doping zählen unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Leberschäden sowie langfristige Folgeschäden. Besonders problematisch ist dabei, dass viele Nutzer*innen diese Risiken zwar grundsätzlich kennen, ihre tatsächliche Schwere und die möglichen Langzeitfolgen jedoch häufig unterschätzen. Dadurch wird der Konsum als weniger gefährlich wahrgenommen, als er tatsächlich ist.
2. Psychische Belastungen durch Schönheitsideale
Ein besonders wichtiger Risikofaktor ist der Wunsch nach dem „perfekten Körper“. Viele Sportler*innen vergleichen sich mit idealisierten Bildern in sozialen Netzwerken oder in der Bodybuilding-Szene. Besonders, wenn sie das Gefühl haben, nicht muskulös genug, nicht schlank genug oder nicht definiert genug zu sein, geraten sie leichter unter Druck. Durch diese Unsicherheiten kann auch die Bereitschaft steigen, zu leistungssteigernden beziehungsweise körperbildbezogenen Substanzen zu greifen.
3. Falsche oder unvollständige Informationen
Äußere Faktoren können großen Einfluss darauf haben, welche Einstellung Amateursportler*innen zu Doping haben. Es kann vorkommen, dass sie Doping sogar verharmlosen oder normalisieren. Viele verlassen sich bei ihren Informationen auf Tipps aus Online-Foren oder befolgen Ratschläge von anderen. Das kann vor allem dann gefährlich sein, wenn nicht alle Informationen richtig oder vollständig sind.
4. Einfluss von Fitnessstudios und Online-Communities
Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass Doping in vielen Bereichen zunehmend als normal wahrgenommen wird. Vor allem in Fitnessstudios, sozialen Netzwerken, Online-Foren oder Messenger-Gruppen kommen Amateur-Bodybuilder regelmäßig mit entsprechenden Inhalten in Kontakt. Gleichzeitig beziehen viele von ihnen ihr Wissen nicht von medizinischem Fachpersonal, sondern aus dem Internet, dem Freundeskreis oder von Trainingspartnern. Dadurch steigt das Risiko, Fehlinformationen zu übernehmen und gesundheitlich bedenkliche Konsummuster zu entwickeln.
5. Fehleinschätzungen von Risiken
Wer zu Doping greift, denkt meist weniger an die Risiken als an die erhofften Vorteile. Der Wunsch nach einem vermeintlich attraktiveren Körper oder schnelleren Trainingserfolgen ist häufig so groß, dass viele Konsument*innen die gesundheitlichen Folgen wenig bis kaum beachten und Risiken bewusst in Kauf nehmen. Aber auch psychische Belastungen oder depressive Verstimmungen können den Konsum begünstigen.
Ausblick und Handlungsempfehlungen
Die Studienergebnisse zeigen: Wir brauchen Präventionsprogramme, die speziell auf einzelne Gruppen zugeschnitten sind. Erste Studien deuten darauf hin, dass solche maßgeschneiderten Programme funktionieren können.
Allerdings beweist diese Studie nicht konkret, dass solche Programme wirklich den Konsum senken. Trotzdem liefert die Untersuchung wichtige Erkenntnisse für die Gesundheitsförderung im Fitnesssport – ein wichtiger Fortschritt für einen gesünderen und faireren Sport.
Doch wie können wir dem Konsum noch besser vorbeugen?
Handlungsempfehlung 1: Neue Präventionsansätze entwickeln
Die meisten Anti-Doping-Programme konzentrieren sich auf den Profisport, während Freizeit- und Amateursportler*innen oft nicht separat betrachtet werden. Dadurch fehlen passende Angebote, die über Risiken aufklären und beim Umgang mit Leistungsdruck unterstützen. Die bisherigen Forschungsergebnisse machen deutlich: Es braucht neue Präventionsansätze, die gezielt auf den Amateursport ausgerichtet sind.
Handlungsempfehlung 2: Forschungslücken schließen
Communities als wichtigen Einflussfaktor verstehen
Fitness-Communities, soziale Medien und Online-Foren sind heute die zentralen Anlaufstellen für Informationen und Meinungen zu IPED. Die Forschung sollte daher verstärkt beobachten, wie diese Plattformen das Doping-Verhalten der Nutzer*innen beeinflussen.
Einzelne Zielgruppen mehr berücksichtigen
Wirksame Prävention setzt voraus, dass wir die Zielgruppen besser verstehen. Die Forschung sollte daher nicht nur Faktoren wie Alter und Geschlecht berücksichtigen, sondern auch psychologische Faktoren untersuchen.
Weiterführende Forschungen betreiben
Da sich viele Studien auf Selbstberichte stützen, sind die Daten anfällig für Verzerrungen – etwa durch soziale Erwünschtheit oder Erinnerungsfehler. Außerdem hat sich im Laufe der Forschung gezeigt, dass es zu wenig Daten zu weiblichen Amateur-Bodybuilderinnen gibt. Deshalb lassen sich die Ergebnisse nicht auf alle Amateursportler*innen anwenden.
Handlungsempfehlung 3: Konsum früher erkennen und direkt handeln
Für erfolgreiche Dopingprävention ist es wichtig, frühzeitig und gezielt aufzuklären. Trainer*innen können dabei eine zentrale Rolle spielen, indem sie Programme anbieten, die über die Risiken von Doping informieren und gleichzeitig den Einfluss von Freunden, sozialen Medien und anderen Vorbildern thematisieren.
Auch gemeinschaftliche Angebote können helfen: Gespräche mit Gleichaltrigen oder Erfahrungsberichte von Vorbildern stärken ein gesundes Sportverständnis und fördern eine Kultur, die Fairness und einen dopingfreien Sport in den Mittelpunkt stellt.
Fazit
Die Studie zeigt, dass Doping im Amateur-Bodybuilding durch ein Zusammenspiel aus individuellen Motiven, sozialen Einflüssen und unzureichender Aufklärung begünstigt wird. Gleichzeitig fehlen im Amateurbereich noch immer passende Unterstützungs- und Präventionsangebote, um den Konsum langfristig zu reduzieren.
Die Arbeit bietet einen umfangreichen Überblick zu bisherigen Forschungsergebnissen: Die Autoren haben internationale Erkenntnisse gesammelt und zeigen auf, dass spezielle Präventionsprogramme für bestimmte Gruppen dringend notwendig sind. Erste Studien zeigen bereits vielversprechende Ansätze.
Wenn dich das Thema interessiert, gibt es hier einen weiteren Artikel über die Studie von René Paasch über die unterschiedlichen Nutzungstypen von Doping und wirksame Präventionsmaßnahmen.
Über den Autor der Studie
Prof. Dr. René Paasch ist Professor für Sportpsychologie. Seine Forschung befasst sich mit dem Konsum leistungs- und körperbildbezogener Substanzen im Freizeit- und Fitnesssport sowie mit wirksamen Präventionsansätzen. Er hat mehrere empirische Studien, Replikationsarbeiten und interventionsbezogene Untersuchungen im Fitnesskontext durchgeführt und beschäftigt sich insbesondere mit psychologischen Wirkmechanismen, Risikoakzeptanz und Entscheidungsprozessen im Trainingsalltag.
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Copywriter bei der IUNworldGmbH, einer Dienstleistungsgesellschaft für Bildungsunternehmen. Marnie hat mehr als 10 Jahre Erfahrung im Bereich Copywriting und Online Marketing. Wenn sie nicht gerade schreibt, findet man sie an der Isar, beim Malen oder auf ihrer Yogamatte.