Steroide, Testosteron und andere leistungssteigernde Substanzen betreffen nicht mehr nur den Spitzensport: Durchtrainierte Körper zum Beispiel auf Instagram, TikTok und YouTube setzen teils auf unrealistische Ideale, die jederzeit abrufbar sind. Das setzt besonders junge Erwachsene unter Druck, die sich durch soziale Netzwerke schneller denn je mit anderen Sportler*innen vergleichen können.
Dieser Wettbewerb um das scheinbar ideale Erscheinungsbild kann das Körperbild vieler junger Athlet*innen verzerren – und so die Hemmschwelle, zu leistungssteigernden Substanzen zu greifen, senken.
Auch im Amateurbereich ist der Konsum leistungssteigernder Substanzen längst kein Randphänomen mehr – und die Dunkelziffer der Konsument*innen liegt vermutlich weit über den offiziell bekannten Zahlen. Das Problem dabei: Hobbyathlet*innen gehen dabei ein besonders hohes gesundheitliches Risiko ein. Denn anders als bei Profisportler*innen, stehen sie nicht unter permanenter ärztlicher Beobachtung.
Dabei wird häufig unterschätzt, wie schwerwiegend die Folgen sein können: Doping ist nicht nur mit erheblichen körperlichen Risiken verbunden; es steht auch in engem Zusammenhang mit Abhängigkeitssyndromen, Angststörungen, depressiven Symptomen und Körperbildstörungen wie Muskeldysmorphie.
7 Nutzungstypen und geeignete Präventionsmaßnahmen
Doch warum greifen Amateursportler*innen überhaupt zu Doping? Um diese Frage zu beantworten, hat René Paasch, Professor an der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport, 2025 eine Doping-Studie mit 772 Amateur-Kraftsportler*innen durchgeführt.
Denn die Entscheidungen, zu Doping zu greifen, entstehen nicht zufällig, sondern folgen je nach Zielgruppe klaren psychologischen Mustern. Aus diesem Grund hat Paasch sieben verschiedene Nutzungsgruppen definiert, die sich jeweils in ihren Motiven, ihrem Umgang mit Risiken und ihrer Veränderungsbereitschaft voneinander unterscheiden.
Dabei stützt er sich auf unterschiedliche wissenschaftliche Studien, Replikationen und Studien, die qualitative und quantitative Methoden miteinander verbinden. Diese Vielfalt bietet im Vergleich zu klassischen, eher allgemeinen Präventionsansätzen einen klaren Mehrwert.
Ambivalente Risikonehmer*innen
Kurzprofil:
Diese Gruppe ist meist neugierig auf die Wirkungen von leistungssteigernden Substanzen – haben aber auch große Bedenken, was die Einnahme betrifft.
Psychologische Logik:
Beim Gedanken an den Konsum bekommen sie Schuldgefühle, fühlen sich unsicher und haben Angst vor den gesundheitlichen Risiken, die mit dem Konsum einhergehen können.
Präventionsimpulse:
Emotionale Storytelling-Formate: Bei den ambivalenten Risikonehmer*innen ist es wichtig, explizit auf die Risiken hinzuweisen: Authentische Erfahrungsberichte und emotionale Storytelling-Formate haben hier eine größere Wirkung als die reine Aufzählung von Fakten, da die Gefahren auf diese Weise greifbarer werden.
Authentische Erfahrungsberichte: Berichte von erfolgreichen Athlet*innen, die bewusst dopingfrei trainieren, können aufzeigen, dass die ambivalenten Risikonehmer*innen auch ohne leistungsstärkende Mittel im Sport erfolgreich sein können.
Reflektierte Vermeider*innen
Kurzprofil:
Die reflektierten Vermeider*innen leben bewusst dopingfrei – aus moralischen und gesundheitlichen Überzeugungen.
Psychologische Logik:
Sie sind werteorientiert, verantwortungsbewusst und stellen stets ihre Gesundheit über die schnelle und vermeintlich einfache Leistungssteigerung.
Präventionsimpulse:
Stärkung positiver Vorbilder: Besonders im Sport orientieren sich viele Menschen an den Leistungen anderer: Stärkt man diese Vorbilder, zeigt es ihnen, dass sie fit und erfolgreich im Sport sein können – und das ganz ohne leistungssteigernde Substanzen.
Clean-Gym-Kampagne: Auch Clean-Gym-Kampagnen tragen dazu bei, dass die reflektierten Vermeider*innen dopingfrei bleiben: Sie klären über die Risiken auf, informieren über Alternativen und sind meist in Form von Postern oder Flyern gut sichtbar in Studios zu finden.
Leistungsorientierte Rationalisierer*innen
Kurzprofil:
Die leistungsorientierten Rationalisierer*innen wollen mit Doping meist schnell und einfach ihre sportliche Leistung steigern.
Psychologische Logik:
Dabei unterschätzen sie aber vor allem die Langzeitfolgen, die der Konsum von leistungssteigernden Substanzen auf ihren Körper und ihre Psyche haben kann.
Präventionsimpulse:
Kognitive Reframing-Ansätze: Hier lernen die leistungsorientierten Rationalisierer*innen, ihren eigenen Konsum neu zu bewerten. Das bedeutet, sie entwickeln einen realistischeren Blick auf ihre Situation. Dabei richten sie ihre Aufmerksamkeit vor allem darauf, wie sie Kosten und Nutzen falsch einschätzen, wie sie sich mit ihrem Verhalten langfristig selbst schaden und wie stark sie ihre eigene Kontrolle überschätzen.
Aufklärung über langfristige Gesundheitsfolgen: Wichtig ist hier auch die Aufklärung über langfristige gesundheitliche sowie psychische Folgen von Doping – zum Beispiel anhand echter Fälle und authentischer Erfahrungsberichte. Solche Geschichten lösen häufig Mitgefühl und Betroffenheit aus und machen Präventionsarbeit besonders wirksam.
Ambivalente Vermeider*innen
Kurzprofil:
Ambivalente Vermeider*innen sind meist unsicher und orientieren sich stark an ihrem sozialen Umfeld. Sie schwanken in Bezug auf leistungssteigernde Substanzen – emotional, sozial und gedanklich.
Psychologische Logik:
Das bedeutet, sie sind einerseits neugierig, andererseits fühlen sie sich schuldig bei dem Gedanken, etwas auszuprobieren.
Präventionsimpuls:
Situative Hinweise: Hier ist es wichtig, auf situative Impulse – also kleine Veränderungen oder Reize in der Umgebung – zu setzen. Das können zum Beispiel subtile Hinweise im Studio sein, ganz ohne eindeutigen Zwang oder Verbote.
Kontrollierte Abstinente
Kurzprofil:
Ob aus rein optischen Gründen oder zur allgemeinen Verbesserung der Leistungsfähigkeit: Die kontrollierten Abstinenten verzichten aus Disziplin und Selbstkontrolle auf leistungssteigernde Medikamente.
Psychologische Logik:
Diese Nutzer*innen sind stolz auf ein Training ganz ohne Fremdeinwirkungen und Medikamente. Sie sind diszipliniert und setzen voll und ganz auf eine natürliche Leistungssteigerung.
Präventionsimpulse:
Identitäts- und Autonomiestärkung: Doping ist meist eng mit dem eigenen Selbstbild und sozialen Normen verknüpft. Menschen, die ein gefestigtes, positives Bild von sich selbst haben, spüren deutlich weniger Druck, sich anzupassen und können leichter auf leistungssteigernde Mittel verzichten.
Clean Athlete Kampagnen: Clean Athlete Kampagnen zeigen meist Athlet*innen, die bewusst ohne leistungssteigernde Substanzen trainieren. Dabei informieren sie nicht nur – sie stärken die Selbstwirksamkeit der Kontrollierten Abstinenten und zeigen Alternativen auf, um reflektiert und selbstbestimmt auf leistungssteigernde Mittel zu verzichten.
Risikogeneigte Performer*innen
Kurzprofil:
Die risikogeneigten Performer*innen schätzen die Risiken von leistungssteigernden Substanzen für ihr Training eher als gering ein.
Psychologische Logik:
Sie halten sich für kontrollierte Nutzer*innen, wobei ihnen ihre körperliche Fitness und eine hohe Leistungsfähigkeit am wichtigsten ist.
Präventionsimpulse:
Visualisierung tatsächlicher Nebenwirkungen: Viele risikogeneigte Performer*innen kennen die Gefahren zwar theoretisch, nehmen sie aber kaum ernst. Grafische Darstellungen wie Fotos, Diagramme oder Videos machen die Folgen dagegen sichtbar und erzeugen eine emotionale Wirkung, die meist wirksamer als eine reine Faktenvermittlung ist.
Ärztliche Kontrolle und Harm-Reduction-Ansätze: Viele Menschen wissen nicht genau, wie gefährlich leistungssteigernde Mittel sein können. Ärztliche Betreuung und Harm-Reduction-Ansätze setzen deshalb dort an, wo Probleme entstehen: bei fehlendem oder falschem Wissen.
Harm Reduction bietet Unterstützung, die auf Respekt und wissenschaftlichen Fakten basiert – ohne moralische Vorwürfe. Konkret heißt das: Betroffene bekommen Hilfe, um die gesundheitlichen Risiken ihres Konsums zu verringern, auch wenn sie nicht sofort komplett aufhören können oder wollen. Dabei wird der Konsum keinesfalls verharmlost – dieser Ansatz schützt vielmehr die Gesundheit, wenn reine Abschreckung nicht ausreicht. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Harm Reduction allein keine Prävention ersetzt: Sie wirkt dort ergänzend, wo rein abstinenzorientierte Ansätze nicht greifen.
Passive Gleichgültige
Kurzprofil:
Diese Gruppe unterscheidet sich von den anderen Gruppen vor allem durch ihr Wissen über die Risiken, die von leistungssteigernden Mitteln ausgehen.
Psychologische Logik:
Dennoch wollen sie sich meist nicht weiter mit dem Thema Doping oder der Nutzung leistungssteigernder Medikamente während des Trainings auseinandersetzen.
Präventionsimpulse:
Leicht zugängliche visuelle Reize: Leicht zugängliche visuelle Reize, zum Beispiel in Form von Bildern oder Diagrammen, machen mögliche Gesundheitsrisiken verständlicher. So rücken die Folgen des Dopings direkt ins Bewusstsein und können Athlet*innen wirksam vom Konsum abhalten.
Subtile Normhinweise: Subtile Normhinweise sind unauffällige Hinweise darauf, was in einer Gruppe als normal oder richtig gilt. Das können etwa Poster mit cleanen Athlet*innen, Fairplay‑Slogans oder positiven Vorbildern sein, die unauffällig zeigen, welches Verhalten in einer Gruppe als erwünscht gilt. Sie geben Orientierung, reduzieren sozialen Druck und stärken die eigene Identität als „cleane/r“ Sportler*in
Fazit
Wenn man die Nutzungstypen miteinander vergleicht, wird deutlich: Es gibt keinen allgemeingültigen Lösungsansatz, um den Konsum leistungssteigernder Mittel zu verhindern.
Erfolgreiche Prävention im Fitness- und Freizeitsport funktioniert nachweislich weniger über Verbote oder reine Wissensvermittlung. Entscheidend ist viel mehr, die eigenen Entscheidungslogiken, Identität, Selbststeuerungen und sozialen Normen zu verstehen und gegebenenfalls zu hinterfragen.
Aktuelle Studien zeigen, dass nicht Wissen allein, sondern vor allem individuelle Risikoakzeptanz und Entscheidungsmechanismen darüber bestimmen, ob Präventionsangebote tatsächlich wirksam sind.
Es ist also wichtiger, die jeweiligen Konsument*innen und ihre Bedürfnisse genauer zu betrachten. Das ist einer der Gründe, warum klassische Präventionsansätze (allgemeine Aufklärung oder Abschreckung) häufig zu kurz greifen.
Gleichzeitig fehlen passende Programme, die bereits vorher aufklären und vorbeugen. Deshalb braucht es klare und umfassende Maßnahmen, die diese sozialen Einflüsse berücksichtigen und ein gesünderes, nachhaltigeres Körperbild fördern.
René Paasch ist Professor für Sportpsychologie und Life Coaching. Seine Forschung befasst sich mit dem Konsum leistungs- und körperbildbezogener Substanzen im Freizeit- und Fitnesssport sowie mit wirksamen Präventionsansätzen. Er hat mehrere empirische Studien, Replikationsarbeiten und interventionsbezogene Untersuchungen im Fitnesskontext durchgeführt und beschäftigt sich insbesondere mit psychologischen Wirkmechanismen, Risikoakzeptanz und Entscheidungsprozessen im Trainingsalltag.
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Copywriter bei der IUNworldGmbH, einer Dienstleistungsgesellschaft für Bildungsunternehmen. Marnie hat mehr als 10 Jahre Erfahrung im Bereich Copywriting und Online Marketing. Wenn sie nicht gerade schreibt, findet man sie an der Isar, beim Malen oder auf ihrer Yogamatte.